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Autor: Marcus Dodt (Consultant #FORTSCHRITT)
- 25.03.2020 -

Die Corona-Krise ist derzeit das bestimmende Thema in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Geprägt von einer hohen Dynamik erreichen uns fast stündlich neue Zahlen, Einschätzungen und Prognosen, was eine valide Bewertung des Sachstandes erschwert. Die von der Bundesregierung getroffenen Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie führen zu massiven Einschränkungen im privaten und öffentlichen Leben und haben bereits jetzt unübersehbare Auswirkungen auf die Wirtschafts- und Finanzmärkte.

Wir bei #FORTSCHRITT beobachten die Entwicklung genau und stehen unseren Kunden in diesen schwierigen Zeiten als zuverlässiger Partner zur Seite. In Gesprächen mit unseren Kunden geht es häufig um kurzfristige Lösungen zur (virtuellen) Erhaltung der Arbeitsfähigkeit oder um liquiditätsgenerierende Adaptionen der Geschäftsmodelle. Wir werden aber auch regelmäßig zu unserer Einschätzung der Lage gefragt, weshalb wir mit diesem Beitrag umfassend informieren möchten.

Lehman vs. COVID-19

Die aktuelle Situation wird in vielen derzeit publizierten wirtschaftlichen Analysen mit der Finanz- und Wirtschaftskrise nach der Pleite von Lehman Brothers im September 2008 verglichen. Ein Vergleich, der auf den ersten Blick plausibel erscheint, bei genauerer Betrachtung allerdings zu einer verzerrten Darstellung führt. Aus konjunktureller Sicht erlitt die deutsche Wirtschaft im Jahr 2009 den bis dahin stärksten Einbruch der Nachkriegszeit, was primär auf den massiven Rückgang von Exporten und Investitionen zurückzuführen war. Die nachstehende Abbildung zeigt die durch die Weltwirtschaftskrise verursachten starken Schwankungen im deutschen Bruttoinlandsprodukt.

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Abb. 1: Veränderungen der jährlichen Wachstumsraten des BIP (Destatis, 2019)

Gegenwärtig beschäftigen sich führende deutsche Ökonomen intensiv mit den wirtschaftlichen Implikationen der Corona-Krise und den daraufhin getroffenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen. Die zentralen Punkte der aktuell diskutierten Entwicklung haben wir für Sie einmal zusammengefasst.

Kollektive Schockstarre an den Märkten

Das, was bisher im Überfluss vorhanden schien, fehlt plötzlich! Der Schock-Moment ist ein Phänomen, das auch in dieser Krise erneut zum Vorschein kommt. Der seinerzeit auch als „Lehman-Moment“ bezeichnete Zustand beschreibt den plötzlichen Verlust an Vertrauen in die bestehenden Finanz- und Wirtschaftssysteme sowie in die Solidarität und Zahlungsfähigkeit der Geschäftspartner. Anstelle des Finanzsystems offenbart nun diesmal das globalisierte Produktions- und Handelssystem seine Schwachstellen. Auch wenn in beiden Fällen die Anzeichen einer drohenden Krise schon im Vorfeld evident waren, wurde das tatsächliche Eintreten jäh als Schock wahrgenommen. Umfassende Maßnahmenpakete der EU, der EZB und der Bundesregierung in Milliardenhöhe sollen die Wirtschaft stützen und das gegenseitige Vertrauen aufrechterhalten. Eine Strategie, die ihre Wirkung bisher jedoch nur bedingt entfaltet, sich mittel- bis langfristig allerdings auszahlen dürfte. Der Grund für die bisher nur zögerlich eintretenden Effekte liegt darin, dass die staatlich zugesagten finanziellen Hilfen nicht schnell genug fließen. Zu bürokratische Beantragungsprozesse bei den Banken und reduzierte personelle Ressourcen in den Prüf- und Vergabestellen sorgen dafür, dass betroffene Unternehmen zu lange auf frisches Geld warten müssen. Es gilt daher, die entstehenden Liquiditätslücken so schnell wie möglich zu überbrücken, um Insolvenzen und Entlassungen zu verhindern.

Die Ansteckungsgefahr

Bereits in der Finanzkrise 2008 wurde der Begriff Virus als Analogie für die rasante Ausbreitung und Lahmlegung des globalen Bankensektors herangezogen. Aber auch als Sinnbild für die Übertragung des Vertrauensverlusts auf die Realwirtschaft, in dessen Folge sich die Wirtschaft weltweit in eine Art „ökonomische Quarantäne“ zurückzog. Eine ebenso dramatische, wenn nicht sogar rasantere Entwicklung erleben wir derzeit, wobei als Parallele zu 2008 erneut auch Länder, Gesellschaften und Wirtschaftsräume betroffen sind, die an dem Ursprung der Krise keinen Anteil haben.

Art des Problems

An diesem Punkt unterscheidet sich die Corona-Krise erheblich von der Weltwirtschaftskrise. Die derzeitige Lage ist für die Wirtschaft deutlich komplexer, da ein simultaner Angebots- und Nachfrageschock vorliegt. Aufgrund der intensiven Einbindung in globale Wertschöpfungsketten kann es hierzulande infolge fehlender Vorleistungen und Einschränkungen im Gütertransport (z.B. Belly-Fracht) zu Lieferengpässen kommen, die den Produktionsprozess bis hin zum Stillstand beeinträchtigen können. Absatzrückgänge und Einbrüche im Cashflow sind die Folge. Weiterhin kann der direkte oder indirekte Ausfall von Mitarbeitern - sei es aufgrund eigener Erkrankung, verhängter Quarantäne und Ausgangssperren oder notwendiger Kinderbetreuung - gravierende Konsequenzen auf weitere Glieder der Supply Chain, z.B. die Produktion haben. Auf der anderen Seite ergeben sich innerhalb der binnenwirtschaftlichen Prozesse negative Auswirkungen auf der Nachfrageseite, die sich bereits jetzt in einem empfindlichen Rückgang des sozialen Konsums bemerkbar machen. Die vorläufigen Ergebnisse des ifo Geschäftsklimaindex unterstreichen diese Entwicklung und melden für den Monat März einen regelrechten Absturz. Die für Donnerstag erwarteten Zahlen des GfK Konsumklimaindex lassen aufgrund zahlreicher geschlossener Geschäfte und eingeschränkter Bewegungsfreiheit ebenfalls einen schweren Einbruch erwarten.

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Abb. 2: ifo Geschäftsklimaindex (ifo Konjunkturumfragen, vorläufige Ergebnisse vom 19.03.2020)

Im Gegensatz dazu lag ein Angebotsschock im Kontext der Finanzkrise nicht vor. Daher konnte sich die Politik in dieser Situation darauf konzentrieren, das Finanzsystem zu stabilisieren und die Konsum- und Investitionsnachfrage mit Hilfe von Konjunkturprogrammen anzukurbeln. In Anbetracht der ökonomischen Sprengkraft sind Finanzkrisen allerdings von einer völlig anderen Dimension. Sie entstehen aus einem Systemversagen des Kapitalismus von innen heraus und wachsen so lange, bis die Blase irgendwann platzt. Ein Virus hingegen befällt eine Gesellschaft - und damit auch die Wirtschaft - schlagartig von außen.

Die Tiefe des Falls

Die Auswirkungen der aktuellen Krise hängen insbesondere vom weiteren Verlauf der Pandemie ab und sind daher schwer vorhersehbar. Sicher ist, dass der Virus seine Spuren hinterlassen und zu erheblichen ökonomischen Einbußen führen wird. Schon jetzt gehen Analysten des ifo Instituts in ihren Szenarioberechnungen von einem Rückgang der jährlichen Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts zwischen 4,3% und 20,6% aus. Offensichtlich wird momentan aber auch, dass die Auswirkungen der letzten Finanzkrise keineswegs ausgestanden sind und das fragile Finanzsystem erneut auf eine harte Probe gestellt wird.

Aus individueller Unternehmenssicht ist die Tiefe des Falls im entscheidenden Maße aber auch vom Zusammenhalt von Arbeitnehmern und Arbeitgebern abhängig. Jeder wird in dieser Krise Opfer bringen müssen. Am Ende werden jedoch diejenigen belohnt, die diese Zeit gemeinschaftlich, solidarisch und loyal durchstehen – nicht zuletzt mit einem noch immer vorhandenen Arbeitsplatz.

Die Prognose

Im Vergleich zur Finanzkrise, die vorab und auch noch währenddessen nur schwer einzuschätzen war, ist die Coronavirus-Epidemie zum jetzigen Zeitpunkt ebenso wenig kalkulierbar. Finanzkrisen schwächen eine Wirtschaft auf Jahre - beim Coronavirus sind, je nach Verlauf der Pandemie und den konkreten politischen Reaktionen, verschiedene Szenarien denkbar. Ökonomen verwenden für die Beschreibung der möglichen Virusfolgen die Buchstaben V, U und L. Bei der Beschreibung der verschiedenen Szenarien beziehen wir uns auf die Konjunkturberechnungen des Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel).

Das V-Szenario geht von einem „Lockdown“ der deutschen Wirtschaft bis Ende April aus und unterstellt nach erfolgreicher Eindämmung des Virus eine Normalisierung der Produktion und des Konsums binnen sechs Monate.

Andere Berechnungen sehen das Hoch der Ausbreitung im April oder Mai, wodurch sich der Zeitraum der wirtschaftlichen Notbremse entsprechend verlängert und ein „Lockdown“ bis Ende Juni angenommen wird. Das U-Szenario ist geprägt von anhaltender Unsicherheit, unterbrochenen Lieferketten sowie Stagnation in Investitionen und Konsum. Eine Erholung wird in diesem Fall erst ab August erwartet, wodurch sich eine Normalisierung auf „Vor-Corona-Niveau“ erst Anfang kommenden Jahres einstellen wird.

Mit nennenswerten Nachholeffekten ist aufgrund der weltweiten Belastung der Konjunktur im weiteren Jahresverlauf nicht mehr zu rechnen. Hierbei wird insbesondere der Tourismus, der in vielen Ländern eine wichtige Stütze der Wirtschaftsleitung darstellt, zusammen mit der Luftfahrtbranche mit einer Krise nie dagewesenen Ausmaßes konfrontiert.

In der nachstehenden Abbildung des IfW Kiel sind die Auswirkungen für das deutsche BIP für das V-Szenario und das U-Szenario dargestellt.

COV V und U Szenario

Abb. 3: Prognosen für V- und U-Szenario (IfW Kiel, 2020)

Das Virus könnte zeitlich und räumlich jedoch noch weitaus größere Kreise ziehen. Falls sich vereinzelte Staaten zurückziehen und dazu veranlasst sehen, ökonomische und soziale Fragen im Alleingang zu beantworten, könnte dies sowohl den Zustand unserer offenen und exportorientierten Volkswirtschaft Deutschlands als auch den der gesamten wohlstandsorientierten globalisierten Welt erheblich verschlechtern. Das L-Szenario würde unserem bestehenden, auf Vernetzung und Arbeitsteilung basierenden Wirtschaftssystem einen Schlag verpassen und zu einer lang anhaltenden Rezession führen, die in seiner Komplexität in Zahlen kaum abzubilden ist. Eine derartige Entwicklung wird seitens des IfW Kiel bisher allerdings (noch) ausgeschlossen.

Was jetzt getan werden muss

Klar ist: Die Lage ist ernst und die Anstrengungen nach der Krise werden die Unternehmen, die Gesellschaft und das geeinte Europa auf eine harte Bewährungsprobe stellen. Prof. Dr. Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums IfW Kiel, beschreibt daher die Entwicklung in diesem Jahr als „krasse Ausnahmesituation“.

Klar ist aber auch, dass es für den Weg aus der Krise kein Patentrezept gibt - kein glasklares Falsch und kein eindeutiges Richtig. An erster Stelle sind politische Führung und ein effizientes Krisenmanagement gefragt. Wie der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Claus Michelsen, fordert, sollte die Politik jetzt weiter entschlossen handeln, indem sie Brücken mit Liquiditätshilfen und Kurzarbeit baut, die Bereitschaft für einen erheblichen Nachfrageimpuls erklärt und eine Koordination zwischen den Regierungen organisiert.

Empfehlungen von #FORTSCHRITT

Die Unternehmen sollten ihrerseits die Krise aber auch als Chance betrachten und neue Wege der Arbeitsformen und Führung beschreiten. Die momentane Situation drängt Organisationen dazu, die bisherigen Formen des Zusammenarbeitens grundlegend zu überdenken. Plötzlich sind viele Dinge möglich, die vorher undenkbar waren. Aus der Not heraus und quasi über Nacht sind digitale Kommunikations- und Kollaborationsinstrumente, Homeoffice, virtuelle Teams und eigenverantwortliches Arbeiten das Gebot der Stunde. Es gilt nun, die Scheu vor dem Unbekannten schnell abzulegen und die vielfältigen Möglichkeiten im Sinne des Unternehmens einzusetzen. Unternehmen, die sich bereits auf den Weg zu einer digitalen Organisation gemacht haben oder bereits als digitale Organisation funktionieren, haben dadurch in dieser Zeit einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Für alle anderen Unternehmen kann die Krise zum Beschleuniger für Digitalisierung und Anstoß für Change-Prozess werden, woraus neue, innovative Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle entstehen können.

Die Zukunft kommt! - Packen wir sie gemeinsam an!

Autor

Marcus Dodt

Consultant #FORTSCHRITT

Marcus Dodt ist Consultant bei der Think-Tank-Beratungsgesellschaft #FORTSCHRITT. Er ist Experte im Bereich Higher Education, Corporate Development, Market Research und New Work. Er ist zertifizierter Scrum Master und promoviert an der Deutschen Sporthochschule Köln am Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik.

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