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Autor: Andreas Kelzenberg (Consultant #FORTSCHRITT)
- 06.12.2021 -

Die Globalisierung hat nach dem Fall des Eisernen Vorhangs eine beispiellose Erfolgsgeschichte vollzogen, ihre Ursprünge liegen jedoch viel weiter zurück. Stets gab es Kritiker, welche die negativen Effekte der Globalisierung hervorhoben, darunter Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften, Einzelaktivisten sowie Aktionsbündnisse und politische Netzwerke1.

Aktuelle Geschehnisse rund um den Globus bringen diese nun vermehrt in den Vordergrund und lassen Konsumenten, Unternehmen und Regierungen zittern: Knappe Rohstoffe durch gestörte Lieferketten, dadurch steigende Produktions- und Endkonsumentenpreise und nicht zuletzt die Klimakrise. Werden die Kritiker am Ende doch Recht behalten? Ist ein „Rückbau“ der Globalisierung denkbar bzw. überhaupt möglich? Im ersten Teil der zweiteiligen Blogreihe geht es um den Ursprung sowie die Auswirkungen auf unseren Planeten.

Globalisierung – Woher?

Die weitreichende Vernetzung der Nationen nach dem 2. Weltkrieg zwischen den beiden sich neu etablierten Machtblöcken der UdSSR und der NATO haben dazu geführt, dass innerhalb dieser Ost- und Westaufteilungen nach wirtschaftlichem Wachstumspotenzial gesucht wurde, um die militärische aber vor allem auch moralische und systemische Überlegenheit über den damaligen Feind zu erlangen, zu erhalten oder aber auszubauen. Während vor dem 2. Weltkrieg und insbesondere vor dem 1. Weltkrieg Kolonialmächte ein oft weltumspannendes Handelsnetzwerk besaßen, kann heutzutage nahezu jedes Land der Erde mit jedem anderen grundsätzlich freien Handel treiben. Restriktionen wie auferlegte Sanktionen, Importzölle, etc. sind mit die einzigen Hindernisse, die diesem im Wege stehen. Dadurch stehen Nationen in einer Art Wechselwirkung zueinander.

Zurück zur Antike

Die Ursprünge der Globalisierung liegen jedoch sehr viel weiter zurück: Eine erste (Teil-)Globalisierung fand durch Alexander den Großen (356 - 323 v. Chr.) statt. Dieser verbreitete vor allem die hellenistische Kultur von Makedonien und Griechenland aus nach Nordafrika und in Richtung Osten bis nach Indien. Er ließ Städte nach hellenistischem Vorbild erbauen, verbreitete die Schrift und Kultur der Makedonen. Damit einhergehende wirtschaftliche Beziehungen zu den eroberten Ländereien und angrenzenden Staaten oder Stämmen ließen neben Wohlstand ebenfalls exotische Einflüsse zunehmen. Auch die Seidenstraße ist als eine Art (Teil-)Globalisierung zu verstehen. Deren Handelsnetz reichte vom äußersten Osten Asiens bis weit nach West- und Nordeuropa hinein. Auch hier wurden neben Handelsgütern ebenfalls kulturelle und technologische Ideen verbreitet.

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Abb. 1: Handelsnetz zu Zeiten der Seidenstraße

Die Globalisierung, wie wir sie heute verstehen, hat ihren Kern in den Schriften Adam Smiths (1723 - 1790), in welchen er den modernen Kapitalismus begründet. Es dauerte einige hundert Jahre, bis sich seine Ideen zum marktdominierenden System etablierten. Heutzutage kann sich kein Land der Erde mehr dem Bann des Kapitalismus entziehen: Selbst Nordkorea, offiziell kommunistisch und von der Außenwelt mehr oder minder abgeschottet, ist auf Geld und Handel angewiesen. Vor allem die herrschende Elite lebt im Luxus westlicher Güter. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs (1989) und dem Zerfall der UdSSR gab es für die Globalisierung keine Grenzen mehr. Dienstleistungen und ganze Fabriken wurden durch Outsourcing in die Welt distribuiert. Und nicht nur die Produktion wurde globalisiert, sondern auch die Finanzmärkte und unser Reisen. Der Aktienmarkt steht jedem rund um die Uhr weltweit offen, sofern keine Sanktionen oder andere Einschränkungen im Heimatland vorliegen und vorausgesetzt, man hat genügend Eigenkapital für den risikoreichen Einsatz.

Auswirkungen der Globalisierung

Durch den mittlerweile jahrzehntelangen nahezu unlimitierten internationalen Warenverkehr und den beispiellosen technologischen Fortschritt hat sich der Verbraucher so sehr an die vermeintliche Selbstverständlichkeit gewöhnt, dass wir jegliche Konsumgüter per einfachem Mausklick am Computer oder aber per Handy bestellen und möglichst am nächsten Tag bei uns zu Hause haben. Daraus ergeben sich diverse Vor- aber eben auch Nachteile.

Vorteile der Globalisierung

Vorteile sind insbesondere im Bereich der Verfügbarkeit selbst exotischster Waren zu erwähnen. Als Beispiele seien hier Teesorten aus Sri Lanka, gefertigte Prozessoren für Computer aus Taiwan oder das Rindersteak aus Argentinien bzw. Australien genannt. Auch können hochkomplexe Güter über mehrere Produktionsstufen in verschiedenen Ländern effizient(er) hergestellt werden und so die globale Nachfrage punktgenau bedienen. Dadurch spezialisieren sich einzelne Länder oder Regionen auf bestimmte Abschnitte der Produktions- oder Lieferkette2.

Die bereits angesprochene Reisefreiheit und globale Verfügbarkeit der Finanzmärkte sind klare Vorteile der Globalisierung. Insbesondere der letzte Punkt hat dazu geführt, dass Direktinvestitionen enorm zugenommen haben und sich Unternehmen durch ausländische Investoren stärker aufstellen können3.

 Direktinvestitionen bis 2020

Abb. 2: Entwicklung der ausländischen Direktinvestitionen weltweit in den Jahren 1970 bis 2020

Auch ist es heutzutage im weitesten Sinne schwieriger, seinem Nachbarn den Krieg zu erklären, weil man es zum Beispiel auf seine Bodenschätze abgesehen hat. Global gesehen hat die Anzahl der Konflikte, insbesondere gewaltsame Krisen (2005: 90; 2020: 180; +100%) und Kriege (2005: 2; 2020: 18; +900%) zwar zugenommen4, jedoch bleiben diese eher lokal begrenzt und erzeugen keine Flächenbrände mehr, wie noch zu Zeiten Napoleons oder dem Dreißigjährigen Krieg. Was die wirtschaftliche Verflechtung zweier Nationen bewirken kann, zeigen Deutschland und Frankreich exemplarisch: Aus Erzfeinden wurden enge Handelspartner und Verbündete.

Nachteile der Globalisierung und daraus resultierende Krisen

Einer der genannten Vorteile ist auch gleichzeitig ein Nachteil: Die Direktinvestitionen. Denn das Unternehmen, welches sich dadurch (zum Teil) die eigene Liquidität sichert, macht sich im Umkehrschluss vom Investor abhängig. Bei zwischen 10% und bis zu 50% Kapitalbeteiligung durch Direktinvestitionen spricht man von einem maßgeblichen Einfluss. Bei mehr als 50% Direktinvestitionsanteil am Gesamtkapital spricht man von einer Abhängigkeit des Unternehmens vom Investor. Eine Ausrichtung der Unternehmensstrategie auf die Ideen und Vorlieben starker Investoren ist die Folge5.

Ursprünglich regionale wirtschaftliche Vorgänge können Auswirkungen auf die gesamte Welt haben. Als Beispiele dürfen hier die Weltwirtschaftskrisen von 1929 und 2008 genannt werden. Sie hatten unmittelbare Konsequenzen, insbesondere auf die Finanzmärkte aber auch auf den Handels-, Immobilien- und Arbeitsmarkt.

Die Globalisierung hat zudem starke Auswirkungen auf die Umwelt und die Ausbreitung von Pandemien6 sowie Neobiota7 und ist elementarer Treiber der Klimakrise8. Diese Krise ist global zu betrachten. Alle Länder sind von ihr betroffen, manche mehr, manche weniger, aber keines wird sich den Auswirkungen in Zukunft entziehen können.

Unser Konsumwohlstand hat sich durch die zeitnahe zur Verfügungstellung von Konsumgütern zwar erheblich verbessert, jedoch bleibt die Frage nach dem tatsächlichen Preis für ebendiese. Denn den tatsächlichen Preis zahlen nicht die Konsumenten: Raubbau von Tropenhölzern im Amazonas9, illegales Fischen in den Meeren der Welt10, Verbauung der Natur für Infrastruktur11 wie Straßen, Kanäle oder auch Lagerhallen und die dadurch einhergehenden unumkehrbaren Zerstörungen ganzer Ökosysteme ist die Folge, welche bislang nicht eingepreist ist. Die zerstörerischen Folgen, welche sich erst langfristig in ihrer ganzen Tragweite zeigen werden, müssen dann durch die Allgemeinheit - sprich Steuergelder - bezahlt werden. Ein erster wichtiger Schritt, um diesen Umständen entgegenzuwirken, wäre ein global einheitlicher CO2-Preis. Dass ein solch ambitioniertes Unterfangen eine politische Mehrheit erzielen kann und eine internationale Einigung möglich ist, zeigt die im Juli 2021 verabschiedete globale Mindeststeuer für Unternehmen12.

Globale biologische Handelsprodukte

Unbestreitbar ist die Tatsache, dass gerade biologisch erzeugte Nahrungsmittel einer steigenden Nachfrage nachkommen müssen13. Doch selbst diese werden oft über den halben Globus transportiert. Haben Sie schon einmal genauer nachgeschaut, woher der Bio-Honig im Discounter stammt? Neben dem Deutschen Bio-Honig, der laut Etikett auch tatsächlich aus Deutschland stammt, gibt es Bio-Honig, welcher aus EU- und Nicht-EU-Ländern stammt, zusammengemischt und in Deutschland zum Kauf angeboten wird.

Wasser gegen Geld

Genauso Gemüse und Obst aus dem Süden Spaniens, wo bereits akute Wasserknappheit herrscht14. Ganze Landstriche werden für den Anbau von Obst sowie Gemüse und dessen anschließenden Export terraformiert. Vor allem die weltgrößte Konzentration von Intensivkulturen - das sogenannte „Mar del Plástico“ - zwischen Malaga und Murcia ist ein mahnendes Beispiel. Im Deutschen wird diese Gegend passender als Plastikwüste bezeichnet. Dort wird das Grundwasser seit vielen Jahren abgepumpt, sodass so ziemlich alles an Vegetation verkommen ist. Das Wasser, welches zur Verfügung stehen könnte, wird ausschließlich für unsere im Einzelhandel erhältlichen Zucchinis und Zitronen genutzt. Wir importieren also Wasser in Form von Gemüse und Obst aus einer Wüste nach Deutschland, damit wir dieses dann zu jeder Jahreszeit verspeisen können. Im Gegensatz dazu fließen große Geldmengen dorthin und lassen viele Menschen am Wohlstand teilhaben.

 Mar del Plástico

Abb. 3: Mar del Plástico in der südspanischen Provinz Almería

Zwischenfazit

Das grundlegende Problem der heutigen Globalisierung besteht vor allem darin, dass zwar der Wohlstand der Menschheit als solches wächst, jedoch auf Kosten der Umwelt und einzelner Länder. Nichtsdestotrotz wurden durch sie technologische Durchbrüche und der Austausch unterschiedlichster Kulturen sowie Waren ermöglicht. Langfristig betrachtet muss die Globalisierung jedoch insofern angepasst werden, als dass die Kosten für Umweltschäden und soziale Gerechtigkeit mit in die Produkte und Dienstleistungen eingepreist werden. Nur so wird es möglich sein, unseren Wohlstand auf Dauer zu bewahren, weiter auszubauen, alle Teile der Weltbevölkerung davon profitieren zu lassen und zugleich die Umwelt bestmöglich zu schützen. Auch eine Veränderung des Konsumverhaltens der Bürgerinnen und Bürger des Planeten Erde ist wichtig. Ob dies durch politische oder wirtschaftliche Stimulation stattfinden sollte, steht noch zur Debatte. Denn klar ist: Auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen ist unendliches Wachstum nicht möglich.

Im zweiten Teil dieser Blogreihe wird es darum gehen, mögliche Alternativen zum bestehenden Konzept der Globalisierung zu evaluieren und wie man sich als Unternehmen auf die kommenden Herausforderungen einstellen kann, um auch seine eigene Wirtschaftlichkeit aufrecht zu erhalten.

  • Literaturverzeichnis
  • Kontakt zu unserem Experten

Autor

Andreas Kelzenberg

 

Consultant #FORTSCHRITT

Andreas Kelzenberg ist Consultant bei der Think-Tank-Beratungsgesellschaft #FORTSCHRITT. Er hat umfassende internationale Erfahrungen während seiner langjährigen Dienstzeit bei der Bundeswehr gesammelt. Seine Schwerpunkte liegen im Projektmanagement und der nachhaltigen Organisationsentwicklung.

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